November 2010: Doppelfüßer (Bergamosoma canestrinii)

Die beiden größten europäischen Chordeumatidengattungen, Bergamosoma und Atractosoma gehören zu den großen Seltenheiten der bayerischen Fauna. In anderen Regionen Deutschlands, also außerhalb der Alpen, fehlen sie völlig.

Ursprünglich sind Bergamosoma und Atractosoma in den zentralen Südalpen (Comersee bis Slowenien) beheimatet und mit je einer Art von dort nach dem Ende der Eiszeit entlang des Inntales nach Norden vorgedrungen.

Fast alle Chordeumatida sind  hochgradig endemisch, das heißt sie kommen nur in einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet vor. Das kann bei manchen Arten nur wenige Quadratkilometer umfassen, z.B. einen Bergstock oder ein Höhlensystem. Selbst die großen europäischen Gebirgsstöcke (Alpen, Pyrenäen, Balkan) weisen kaum gemeinsame Gattungen auf und auch die Familien sind zumeist unterschiedlich. Auch in Bayern sind die Faunen der Allgäuer und Berchtesgadener Alpen sehr verschieden. Zwischen Europa, Nordamerika und Ostasien gibt es höchstwahrscheinlich nicht einmal gemeinsame Familien. In ehemals vergletscherten Gebieten treten nur wenige Arten auf, aber keine Endemiten. Daher sind die Chordeumatida ideale biogeographische Indikatoren, vor allem für glaziale Refugialräume.

Von Bergamosoma canestrinii waren bisher nur zwei Funde aus dem Wettersteingebirge der Bayerischen Alpen bekannt. Die Art galt in Bayern bis Oktober 2010 als verschollen. Am 10.10.2010 gelang es endlich, diese Art nahe der Alpspitze wiederzuentdecken, nachdem sie im September 2009 bereits im Arlberggebiet (Österreich) gefunden werden konnte. In beiden Fällen wurden die Tiere unter großen Steinblöcken gefunden. Die Fundplätze waren eng umgrenzt, dort jedoch waren die Tiere häufig. So konnten am 10.10.2010 10 Tiere gefunden werden, was an diesem Datum fast schon zu erwarten war.